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Konversation

Ein Gespräch mit Mitch Epstein

Der amerikanische Fotograf spricht bei seinem Besuch bei Andreas Murkudis über seinen neuen Bildband „Rocks and Clouds“.

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Mitch und Andreas sind alte Freunde. Und das schon so lange, dass der Pionier der amerikanischen Farbfotografie in Andreas’ Büro vorbeikam, um mit ihm über sein neues Buch „Rocks and Clouds“ zu sprechen. Dabei signierte er nicht nur Ausgaben seiner aktuellen Publikation, sondern auch Einzelstücke früherer Werke, die Andreas zu seiner Privatsammlung zählt. Mitchs neues Buch wird 2017 über den Steidl Verlag herausgegeben und widmet sich mit Schwarz-Weiß-Fotografien, die in New York aufgenommen wurden, der Frage von Dauerhaftigkeit und Vergänglichkeit.

Es folgt das Transkript eines Gesprächs zwischen Andreas und Mitch über Mitchs Lieblingsorte in Berlin, die Inspiration für das Projekt und über seine Ausblicke auf das Jahr 2017.

Erzähl uns etwas über „Rocks and Clouds“. Wie fing es an?

Es war Robert Smithsons Aufsatz „The Dialectical Landscape“ über Frederick Law Olmsted, der mich zum Nachdenken gebracht hat über die Felsen in New York.
Smithson beschreibt Olmsted darin als ersten Erdbau-Künstler und den Central Park, in diesem Zusammenhang, als Avantgarde. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Olmsted riesige Felsgesteine und gigantische geologische Formationen in den Park befördert, um den braven Wiesen, Baumgruppen und Wäldern eine brachiale Urzeitlichkeit zu geben.

Daraufhin habe ich mich mit der geografischen Vergangenheit der Stadt auseinandergesetzt und damit, woher man solche Felsformationen bekommt. Ich habe mehrere hundert Orte besucht, an denen solche Felsen vorkommen, aber nur einzelne davon tatsächlich fotografiert. Morgens bin ich mit einem klar strukturierten Plan losgegangen, kam aber recht schnell vom Weg ab, was mich nicht selten auf die interessanteren Dinge stoßen ließ. Das hat Spaß gemacht. Ich habe kein fertiges Bild, keine Typologie meiner Bilder im Kopf: Sie werden zu dem, was sie sind, wenn ich sie auf der 8×10-Mattscheibe vor mir sehe.

Mitch Epstein Andreas Murkudis Photgrapher Photgraphy Books Rare American Power

„American Power“ ist Mitch Epsteins faszinierender Bildband über die Gewinnung und den Verbrauch von Energie in den Vereinigten Staaten. Der verschrobene, dabei tiefgründige Blick des Fotografen auf die zahlreichen Methoden der Energiegewinnung wirkt lange nach. 

Mitch Epstein Clouds #94, New York City 2015

Nachdem ich sechs Monate Felsen fotografiert hatte, wurde mir klar, dass das Projekt einen Gegensatz verlangte. Ich wählte also Wolken, weil sie der Gegensatz von Felsen sind. In einer Stadt sind sie die demokratischste Form der Natur: Ich konnte sie überall fotografieren, sie tauchen in nahezu jedem Kontext auf. Deshalb entschied ich mich dafür, sie im Zusammenhang mit bedeutenden Monumenten der Stadt, seien sie architektonischer, menschlicher oder natürlicher Form, zu fotografieren. Das schwierigste an den Wolken war, vorauszusagen, wann sie auftauchen. Ich hatte neun Wetter-Apps auf meinem iPhone, aber keine war zu 100% verlässlich. Also hatte auch hier meine Vorbereitung ihre Grenzen: Viele meiner Bilder entstehen aus dem glücklichen Zufall.

Mit dem Dreigespann von Baum, Fels und Wolke wollte ich auf das Wirkungsgefüge aus Gesellschaft und Natur in meiner Stadt hinweisen. Und eigentlich soll sich das auf jede Stadt anwenden lassen: Wie gehen wir mit Natur um, wie verändern wir sie, wie nehmen wir sie wahr? Ich machte also Bilder in allen fünf Stadtteilen und fand dabei Orte, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. New York ist so viel mehr als Manhattan, aber Manhattanites verlassen nur selten ihre Insel.

Zeit spielt in meinem Projekt eine Schlüsselrolle. Felsen bewegen sich auf der Ebene der kosmologischen Zeitrechnung, sie sind – für uns immer noch fast unmöglich nachzuvollziehen – hunderte Millionen von Jahren alt, und Wolken, kurzlebig, sind sie wieder verschwunden, bevor sie wirklich da waren.

Wie hat das Projekt dein Bild von New York verändert oder bestätigt?

New York war während der letzten 45 Jahre seit 1970 immer wieder Motiv meiner Fotografie. Als ich diese Trilogie zwischen 2012 und 2016 fotografiert habe, musste ich bestürzt feststellen, dass die Stadt noch gentrifizierter und noch geldgetriebener ist, als ich bislang angenommen hatte. Zu viele New Yorker schauen nur noch auf ihr Handy und bekommen das gar nicht mit. Ich war aber auch froh, die vielfältige Natur New Yorks wiederzuentdecken: In nahezu jedem Block findet man Menschen aus verschiedenen Einkommensschichten, unterschiedlicher Hautfarben und Ethnizitäten. Außerdem fiel mir wieder auf, wie freundlich und respektvoll der Umgangston ist – vielleicht sogar mehr denn je. Vor allem in der Trump-Ära sind New Yorker stolz auf die Vielfalt und das Talent ihrer Stadt, in den meisten Teilen im friedlichen Miteinander zu leben. In New York gehört das Anderssein dazu. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass es als Zeichen der Freiheit anerkannt wird. Es macht das Leben interessanter, wenn du losziehst, ohne vorher zu wissen, was du findest. Konformität ist keine proklamierte Tugend in dieser Stadt.

Was hält 2017 für dich bereit?

Das Jahr hat mit einer großen Verunsicherung auf politischer Ebene begonnen und es ist schwierig zu sagen, was das für meine Arbeit bedeuten wird. Ich habe allerdings bereits einen Richtungswechsel eingeschlagen als Antwort auf das veränderte kulturelle und politische Klima in den USA.

Ich bin froh über meine bevorstehenden Ausstellungen in der Galerie Thomas Zander in Köln, bei Andreas Murkudis in Berlin während des Gallery Weekends, bei der Galerie Les Filles du Calvaire in Paris diesen Frühling und in Bologna im Herbst. Meine Monografie „Rocks and Clouds“ erscheint ebenfalls im Frühling beim Steidl Verlag. Ich bin dankbar für das europäische Interesse an meiner Arbeit.

Mitch Epstein Andreas Murkudis Photgrapher Photgraphy Books Rare Family Buisiness

Mitch Epsteins besondere Fähigkeit, die unterschiedlichen amerikanischen Lebensweisen in ihrer Umsetzung einzufangen, findet international Anerkennung.

Wir freuen uns, dein Buch bei uns im Laden zu haben. Gibt es ein Buch, eine Ausstellung oder einen Film, der dich derzeit bewegt?

Letzte Woche habe ich die Ausstellung Heat Maps des irischen Künstlers Richard Mosse in Chelsea gesehen. Eine Serie von Fotografien über die Flüchtlingskrise in Europa, in der er eine wärmeempfindliche Hightech-Kamera benutzt, die sonst zu Überwachungszwecken eingesetzt wird. Diese komischen, Cartoon-ähnlichen, schematischen Bilder verwandelte er in große Wandbilder. Ich fand diese Arbeit komisch, hypnotisierend und traurig, und ich musste noch lange darüber nachdenken.

2008 hattest du einen längeren Aufenthalt als Künstler in Berlin – gibt es ein bestimmtes Ritual, wenn du die Stadt besuchst?

Es waren vor allem die Menschen und Freunde, die ich während meines Aufenthalts in der American Academy in Berlin kennengelernt habe, die ich nicht vergesse und jedes Mal wiedersehe, wenn ich die Stadt besuche. Berlin ist gleichsam wie New York ein riesiges Labyrinth, dessen Tiefen mich bei jedem meiner Besuche spürbar anziehen. Als Ort gehört das Pergamonmuseum zu ,meinem‘ Berlin dazu.

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Michael Anastasstiades At Andreas Murkudis Design Interior Light Lighting Lamps

Potsdamer Straße

Balance durch Licht

Michael Anastassiades wirft neues Licht auf Andreas Murkudis’ Objekte.